Melodien auf Umwegen

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Los geht's am 4. Mai 2014 in einer Scheune in Reinhardtsgrimma. Peter und ich beteiligen uns an der Lesung zum Buch "Ich schreibe mein Leben - Kriegsfolgen im Frieden", welches meine Mutter Heidrun Novy, zusammen mit fünf weiteren Buchautorinnen, geschrieben und veröffentlicht hat. Die Frauen stellen darin, auf mehr als dreihundert Seiten, in sehr unterschiedlichen Texten die Ergebnisse ihres Rückblicks in ein Jahrhundert (ost)deutscher Geschichte vor. Für die musikalische Untermalung der Texte wird bei der Lesung unsere Band engagiert. Gegen 15.15 Uhr treffen wir in der Location ein, nachdem wir uns mehrmals verfahren haben. In der kleinen Scheune in Oberfrauendorf (einem Ortsteil von Reinhardtsgrimma), werden wir von der Veranstalterin herzlich empfangen. Wir bauen unser Equipment auf und der Raum füllte sich rasant mit Zuschauern. Exakt 16 Uhr beginnen wir mit dem ersten Song "Lied für Generationen" von den PUHDYS, vorher stelle ich die Band kurz vor. Danach liest meine Mutter mit einer Freundin den ersten Teil ihrer Geschichte, danach spielen wir wieder und freuen uns, im Publikum ein bekanntes Gesicht zu sehen. Hans-Christoph, ein treuer Fan unserer Band hat es sich tatsächlich nicht nehmen lassen, vorbei zu kommen, obwohl die Veranstaltung eigentlich nur für geladene Gäste vorgesehen war. Wie er da trotzdem reingekommen ist, verrät er uns nicht. Nach unserem zweiten Song wird eine Diskussion angeregt, in der man auf die eben gehörte Lesung eingehen kann, auch ich kommentiere den vorgetragenen Text meiner Mutter. Im Anschluss gibt es eine zehnminütige Pause, in der den Zuschauern Tee, Kaffee und Kuchen angeboten wird. Nach der Pause geht es genau so weiter. Es werden Texte gelesen, darüber gesprochen und dann wieder Musik von uns. Wir staunen, wie textsicher die Zuschauer den Titel "Über sieben Brücken" mitsingen können. Auch gibt es eine Live-Premiere bei diesem Auftritt: "Sag mir wo die Blumen sind" von PETE SEEGER spielen wir an diesem Abend das erste Mal live.

Jetzt soll die Veranstaltung eigentlich vorbei sein, doch das Publikum fordert eine Zugabe, die wir gern mit dem "Dresden-Blues" erfüllen. Nach der Veranstaltung wird Rotwein ausgeschenkt und viele Leute suchen das Gespräch mit den Protagonisten des Abends, aber auch untereinander wird sich viel und lautstark unterhalten. Während ich die Bühne räume und die Technik ins Auto packe, kümmert sich Peter um die Leute, die gern eine CD oder einen Button unserer Band kaufen wollen. Gegen 19.30 Uhr verlassen wir die Scheune in Richtung Heimat und sind auf dem Heimweg von der wunderschönen Aussicht begeistert, die im Auto an uns vorbei rauscht. Rundum ein gelungener Abend für alle Beteiligten.

Eine weitere Lesung dieser Art ist am 14. Juni 2014 in Krögis, nahe Meißen, geplant. Auch hier werden wir die Lesung musikalisch umrahmen. Peter kommt direkt nach seinem Frühdienst zur Location. Er arbeitet bei einer Packfirma, die in Dresdner REWE-Märkten Ware einräumt. Ich bin zu dieser Zeit in einem Callcenter beschäftigt und vertreibe über das Telefon u.a. Versicherungs-, Strom- und Handyverträge. Am Tag der Lesung nehme ich mir Urlaub und muss mich bereits 6 Uhr morgens auf den Weg zum Gut Frohberg machen, denn dort ist der Beginn der Lesung für 9.30 Uhr angesetzt. Eine Stunde vorher treffen wir vor Ort ein, um unsere Bandtechnik aufzubauen und uns vorzubereiten. Der Raum füllt sich schnell und so steht einem pünktlichen Start nichts mehr im Wege. Zwei Geschichten aus dem Buch werden jeweils von zwei Leserinnen vorgestellt. Davor, dazwischen und danach spielen wir jeweils zwei Songs akustisch. Der ganze Raum singt wieder "Über sieben Brücken", aber auch "Sag mir wo die Blumen sind" und "Lebenszeit" mit, sodass es fast wie ein Chor klingt, der mit uns gemeinsam singt. Nach der Lesung und auch in der Pause bekommen wir ein sehr positives Feedback von den Leuten, die ganz besonders von unserem neuen Clueso-Coversong "Gewinner" begeistert sind. Am frühen Abend verlassen wir etwas müde, aber glücklich, das Gut Frohberg in Richtung Heimat. Den Abend lassen wir mit einer DVD und einem kühlen Feierabendbierchen in meiner 1-Raum-Wohnung ausklingen.

Das Buch "Ich schreibe mein Leben - Kriegsfolgen im Frieden" ist sensationell und soweit ich weiß, wurden Teile davon für Konferenzen in den USA, die das umfangreiche Thema behandeln, bereits in die englische Sprache übersetzt, damit das Buch, auch außerhalb von Deutschland, erreichen kann.

Peter und ich merkten bei den Lesungen sehr oft und intensiv, wie vielen Menschen die Nachkriegszeit und auch das DDR-Regime noch tief in den Knochen steckte. In vielen Familien scheint es immer noch ein Tabuthema zu sein, darüber zu sprechen - warum auch immer. Es ist doch wichtig, miteinander zu reden und zuzuhören, um den Anderen überhaupt verstehen zu können. Ich denke, dass sehr viele Menschen jahrelang mit ihren Gedanken und Ängsten zu diesem Thema nicht umgehen konnten, weil sie sich nicht getraut haben, es auszusprechen, was sie bewegt und bewegt hat. Das Buch "Ich schreibe mein Leben - Kriegsfolgen im Frieden" bricht dieses Eis und dürfte aus diesem Grund, meiner Ansicht nach, in keinem Haushalt fehlen.

Für uns als Band sind solche Projekte, wie die Lesungen, natürlich immer spannend, weil wir vor Leuten auftreten, die nicht wegen uns zur Veranstaltung kommen, sondern wegen meiner Mutter und den anderen Autorinnen. Es ist wie eine Prüfung für uns, ob wir die richtige Songauswahl zu den vorgelesenen Geschichten und den Nerv der Leute getroffen haben. Natürlich sind dann, wenn wir das geschafft haben, solche Events, nebenher erwähnt, auch immer unglaublich gute Werbung für uns selbst.


Aber auch privat wird es nach dieser erlebnisreichen Mugge und mit meiner Burnout-Erkrankung nicht so schnell langweilig:

Mit meiner damaligen Freundin Chantal führe ich seit zwei Jahren eine sehr glückliche Fernbeziehung. Sie kommt ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen, zog aber vor kurzer Zeit, für ihr Psychologiestudium, ins niedersächsische Hildesheim. Ich wohne noch immer in Dresden auf der Ermelstraße und wir besuchen uns regelmäßig gegenseitig. Daran ist ja soweit, bis auf ihren Vornamen, nichts weiter Ungewöhnliches festzustellen. Allerdings löst das Johanniskraut, welches mir meine Hausärztin verschrieb, in mir eine Art "Ist mir alles egal - Stimmung" aus und egal was passiert, ich reagiere meist sehr desinteressiert. Die Beziehung zu Chantal verschlechtert sich zunehmend und ich bin nicht wirklich in der Lage, über meine Sorgen und Ängste mit ihr zu sprechen. Kurzum: Wir leben uns auseinander und sprechen nur noch sehr selten miteinander. Schließlich beschließe ich irgendwann, mich von ihr zu trennen, weil ich es nach den unzähligen Streitgesprächen als die beste Lösung empfinde. Wir kommen auf keinen gemeinsamen Nenner mehr und ich brauche einfach mal Ruhe und Zeit für mich, um mich zu erholen und meine Gedanken neu zu sortieren.

Doch Chantal fängt nach der Trennung an, mich ständig und überall anzurufen und mich mit Nachrichten via Smartphone zu überschütten. Ich schreibe ihr ein paar Tage später, in meiner Wut, zurück, dass sie mich bitte in Ruhe lassen soll und mich mit ihrem Verhalten krank mache. Anschließend ignoriere ich sie und blockiere sie auf meinem Telefon. Daraufhin will sie sich wohl an mir rächen und bestellt, von Hildesheim aus, den Notarzt zu mir nachhause. Dem Notruf erzählt sie, dass ich für sie nicht mehr erreichbar wäre und ich ihr gegenüber erwähnt hätte, mir etwas anzutun, was ich allerdings nie tat und auch nie tun würde. Nun denn, der Notarzt kam, klingelte bei mir Zuhause Sturm und hatte gleich die Polizei und Feuerwehr mitgebracht. Jetzt war ich natürlich etwas unvorbereitet und musste mich den Amtsträgern gegenüber rechtfertigen - was mit mir los sei und dass es mir, bis auf die nervende Exfreundin, soweit ganz gut geht und ich nicht vor habe, mich umzubringen, so wie sie es behauptete. Der Notarzt nimmt mich trotzdem mit in die Uniklinik. Dort soll ein Psychiater, durch geschulte Fragen, die Suizidgefahr einschätzen. Obwohl ich eigentlich nichts zu befürchten habe, macht sich vor Ort dennoch sehr große Angst in mir breit, dass der Psychiater mich aufgrund meiner Antworten irgendwie falsch einschätzen könnte und mich am Ende noch da behält, oder mich direkt mit Medikamenten vollstopft um mich ruhig zu stellen. Die Patienten auf der Station schüren diese Angst zusätzlich. Während des gesamten Gespräches schreien sie lautstark durch die Gänge, dass sie nicht krank seien, da raus wollten und die Tabletten gefährlich seien.

Gott sei Dank bestehe ich aber den Test und darf die Klinik nach ungefähr dreißig Minuten wieder verlassen. Ich denke, das Problem "Chantal" wäre nun endlich aus der Welt, aber sie hat in der Zwischenzeit auch meine Mutter per Email kontaktiert und ihr ebenfalls erzählt, ich würde mir etwas antun. Daraufhin versuchte meine Mutter mich natürlich zwischenzeitlich zwanzig mal anzurufen, aus Sorge mir könnte etwas zugestoßen sein. Doch sie konnte mich natürlich nicht erreichen, weil ich ja ins Psychogespräch der Klinik vertieft war. Wahrscheinlich dachte meine Mutter die ganze Zeit, ich habe mir tatsächlich etwas angetan. Als ich sie zurückrufe und ihr erzähle, was tatsächlich passiert ist, fällt es ihr zuerst schwer mir zu glauben, aber ich kann sie überzeugen, dass ich weder suizidgefährdet, noch irgendwie komische Gedanken in mir trage. Als ich nach diesem Horrorabend wieder Zuhause ankomme, lösche ich alles, was mit Chantal zu tun hat aus meinem Leben und trinke einen Whiskey zur geistigen Verdauung. Seitdem habe ich glücklicher Weise auch nie wieder etwas von Chantal gehört oder gesehen.